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Der Zehnstädtebund (Dekapolis)

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Erläuterungen zur Karte

„Wir Karle von gotz gnaden römscher kúnig (...), geheissen und gebieten mit disem brief (...) únsere (...) stette Hagnowe, Wissenburg, Colmar, Sletzstat, Ehenhein, Roshein, Múlnhusen, Keysersperg, Túrenkein und Múnster daz sú sich ze samen verbinden múgent gegen menglichem, doch usgenomen úns, daz rich, únsern lantvogt und andern únsern amptlúten die wir hant zeziten, getrúwelich enander ze raten und ze helfend in der wise alz wir daz verbuntnisz besinnet han mit disem brief.“ (28. August 1354)[1].

Die Gründung der Dekapolis (ein Begriff, der im 18. Jahrhundert auftaucht) auf Betreiben des Kaisers unterscheidet sich wenig von so vielen anderen städtischen Bündnissen des 13. bis 14. Jahrhunderts: gegenseitige Hilfe und Rat (Artikel 1), Beistand bei Gerichtsfällen oder Konflikten mit einem Außenstehenden (Artikel 2), Beistand in Fällen innerer Unordnung (Artikel 3), Aufrechterhaltung der Rechte, Freiheiten und guten traditionellen Gewohnheiten (Artikel 6). Der Kaiser versicherte sich durch dieses Bündnis die Bewahrung des Friedens, der wichtig für den Handel war und zugleich eine Einnahmequelle bot, die unabdingbar für seine Herrschaft war. Die Städte selbst behielten ihre Privilegien und verschiedenen Freiheiten und hofften, nicht mehr vom Kaiser in Anspruch genommen zu werden.

Die zehn Reichsstädte am linken Rheinufer wurden in jener Zeit als „gemeine richstetten“ oder „zehnstädtebund“ bezeichnet. Geographisch befand sich das Zentrum dieses Bundes im Weinbaugebiet im Vorgebirge der Vogesen zwischen Colmar und Rosheim. Hinzu kamen die politische Hauptstadt Haguenau (Hagenau), sowie Wissembourg (Weißenburg) und Landau (ab 1521) im Norden und Mulhouse (Mülhausen) im Süden.

Wenn die Reichsstädte über Freiheiten und eine vergleichbare Organisation verfügten, welche schon nahezu an Autonomie grenzten, waren ihre Ursprünge und ihre Bedeutung innerhalb des Zehnstädtebundes verschieden.

Haguenau (Hagenau), das durch Herzog Friedrich gegründet und seit 1164 mit Freiheitsprivilegien bedacht wurde, kam dank seines Waldes und zwei jährlich stattfindenden Messen, die auf lange Sicht den Handel anregten, ein wichtiger wirtschaftlicher Aufschwung zu Gute, wovon eine Münzprägewerkstatt zeugt. Haguenau (Hagenau) war politisch die wichtigste der zehn Städte der Dekapolis. Der Kaiser sicherte dort seine Autorität durch seinen Reichslandvogt.

Colmar, das im 9. Jahrhundert noch ein Dorf war, wird aber in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts schnell zu einer Stadt (Bestätigung der Freiheiten 1278). Im Zentrum eines bekannten Weinbergs und an der Kreuzung großer Handelsrouten zwischen Italien und dem Rheintal gelegen spielte Colmar eine wichtige Rolle in der Dekapolis. In seinem Koifhus (Zollhaus) trafen sich die Vertreter der anderen neun Städte unter dem Vorsitz des Reichslandvogtes.

Sélestat (Schlettstadt), das aus dem benediktinischen Priorat St. Fides hervorging und 1217 Stadt wurde, zeichnet sich durch Acker- und Weinbau aus, der hier stark betrieben wurde. Dies wurde zudem durch seine besondere Rolle im Handel begünstigt, denn Sélestat (Schlettstadt) lag zu Lande an einer der großen Handelsrouten über die Vogesen nach Lothringen hin und zu Wasser ebenfalls an einer der Haupthandelsstrecken mit einem Hafen an der Ill. Das Archiv der Dekapolis wurde in dieser Stadt aufbewahrt.

Diese drei Städte waren die reichsten und für den Kaiser die interessantesten Städte. Sie sicherten die Dauerhaftigkeit des Bundes und waren richtungweisend für dessen Entwicklung.

Obernai (Oberehnheim) war ein Verwaltungszentrum der Staufer, welche als Vögte der Abtei Hohenburg fungierten, besaß ab der Mitte des 13. Jahrhunderts das Stadtrecht und schöpfte seinen Reichtum ebenfalls aus dem Weinbau. Ebenso verhielt es sich mit Rosenheim, einem Klosterhof der Abtei Hohenburg, der in den Quellen ab 1232 als Stadt erscheint. Drei weitere westlich von Colmar gelegenen Städte wurden auf Wunsch des Kaisers in den Bund integriert, obwohl sie viel kleiner und weniger bedeutend waren, aber dennoch Ressourcen an Wein und Holz lieferten: Kaysersberg, das ab 1262 als Stadt bezeugt ist, Turckheim (Türkheim), das zunächst Besitz des Abtes von Munster (Münster) war und dann 1312 Stadt wurde, und schließlich Munster (Münster), das sich von einer Benediktinerabtei des 7. Jahrhunderts zu einer Stadt entwickelte, was 1287 bezeugt ist.

Im Norden befindet sich die Stadt Wissembourg (Weißenburg), die aus einer Benediktinerabtei hervorging und eher in Richtung des Mittelrheins orientiert war, wo sie ihren Wein, ihre Kastanien und Tücher absetzen konnte. Deswegen scheint ihr Bündnis mit den anderen Städten des Elsass zunächst erstaunlich. Sie benötigte aber wirkkräftige Verbündete, um sich gegen die Herrschaftsanwandlungen ihres Nachbarn, des Pfalzgrafen bei Rhein, zur Wehr zu setzen. Landau war ihr bevorzugter Partner. Obwohl es seit 1274 das Stadtrecht besaß, war es an den Fürstbischof von Speyer verpfändet. Erst 1511 kaufte es Maximilian zurück; es konnte sodann in den Zehnstädtebund aufgenommen werden. Seltz (Selz) wurde durch die vereinten Kräfte des Zehnstädtebundes von einer Belagerung befreit und stieg 1358 zur Reichsstadt auf. Es war jedoch nur für wenige Jahrzehnte Mitglied des Bundes, denn 1418 schlug es der Pfalzgraf bei Rhein seiner Herrschaft zu.

Zu guter Letzt das im Süden gelegene Mulhouse (Mülhausen). Es erhielt im 12. Jahrhundert das Stadtrecht und liegt geographisch etwas am Rande des Elsass. Seine Wirtschaftskraft erhielt es durch das Handwerk und den Handel und wurde von den Herrschern als strategischer Stützpunkt angesehen. Seine dezentrale Lage führte schließlich dazu, dass es sich 1506 vom Zehnstädtebund löste, um sich mit Basel und 1515 mit der Eidgenossenschaft zu verbünden.

 

La Décapole. Dix villes d’Alsace alliées pour leurs libertés 1354-1679, VOGLER Bernard (Hg.), Straßburg, La Nuée bleue, 2009.

 

Odile Kammerer, 2010

Übersetzung: Harald Sellner

[1] X. Mossmann, Cartulaire de Mulhouse, Bd. 1, Straßburg 1883, Nr. 265, S. 241.