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Die Herkunftsorte der Handwerksgesellen im 15. Jahrhundert

Erläuterungen zur Karte

Die Handwerksgesellen in der Stadt befinden sich in der beruflichen Hierarchie zwischen den Lehrlingen und den Meistern; ihr Ziel war es, nachdem sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatten, Meister zu werden. Die Namen der Kürschner aus Straßburg, die in den Statuten ihrer 1404 gegründeten Bruderschaft aufgeführt werden,[1] die Namen der Schuhmachergesellen vom Oberrhein, die in einer Quelle auftauchen, die in Bezug zu einem Projekt einer zwischenregionalen Vereinigung von 1407 steht[2] und die Kürschner von Straßburg, die 1470[3] in einen Zunftkonflikt verwickelt sind, wurden einer namenkundlichen Studie unterzogen. Diese beschäftigte sich mit der Zusammensetzung der Namen, aus einem Vornamen, einem Familiennamen, dem (oder denen) eine Ortsbezeichnung hinzugefügt sein kann. Diese Ortsnamen zeigen an, woher die Gesellen stammten. Sie erlauben es zudem, die Distanz zu ermitteln, die jene hinter sich gelegt hatten, die von ihrem Heimatort weggegangen waren, um in einer Werkstatt angestellt zu werden. Die Ortsnamen wurden auf den Karten abgebildet und die Gebiete durch ovale schraffierte Flächen gekennzeichnet. Die Städte oder zitierten Gegenden finden sich verstreut im Heiligen römischen Reich deutscher Nation, dessen Grenzen einen weit größeren Raum umrissen, und dies besonders in Richtung Osten, als es das heutige Deutschland tut. Ihre mittelhochdeutsche Bezeichnung, wie sie in den Quellen zu finden ist, wurde auf die Karten übertragen.[4] Nachdem man die heutige Bezeichnung der Städte und Gegenden in den Fachlexika ermittelt hatte, wurden sie mittels des Grand Atlas universel de Géographie lokalisiert.[5] Hinsichtlich dreier Städte, deren Bezeichnung nicht genau genug war (Brecheim, Bretheim?; Frenstadt, Freistadt?; Sletz, Schlitz?) konnten Zweifel aber nicht ausgeräumt werden. Ebenso gibt es Städtenamen, die unabhängig von den unterschiedlichen Schreibweisen mehreren Städten zugeordnet werden können: so z.B. Brucke (sechs Möglichkeiten), Neuwenstatte (vier Möglichkeiten) und Schwitze (drei Möglichkeiten). Sie sind alle auf den Karten abgebildet. Das Interesse dieser Karten liegt darin, die Mobilität der Handwerksgesellen des 15. Jahrhundert annähernd darzustellen. In diesem Jahrhundert wuchs für die Handwerksgesellen die Pflicht, einige Jahre umherzureisen, um ihre Ausbildung in unterschiedlichen Werkstätten zu vervollkommnen. Diese Pflicht, die von den einzelnen Handwerkszünften gefordert wurde, erklärt sich durch die Begrenztheit des Arbeitsmarktes, der nicht alle Handwerksgesellen aufnehmen konnte. Zudem wollten die Meister damit verhindern oder soweit wie möglich hinauszuzögern, dass neue unabhängige Werkstätten errichtet wurden. Einige Städte waren für ein bestimmtes Handwerk – wie zum Beispiel das Kürschnerhandwerk in Straßburg – bekannt. Die Distanzen, die von den eingewanderten Gesellen zurückgelegt wurden, belaufen sich auf bis zu 1000 Kilometer (Kraken – Krakau – ist ungefähr 1400 Kilometer von Straßburg entfernt). Konzentrische Kreise gehen zunächst im Abstand von 50 Kilometern und dann im Abstand von 100 Kilometern vom Ausgangsort aus (zum Teil auch bis zu 200 km). Sie ermöglichen es, das Ausmaß der „Entwurzelung“ zu fassen, die die Gesellen in Kauf nahmen. Eine Einwanderung aus dem Westen Deutschlands ist nicht zu beobachten.

 

Monique Debus Kehr, 2005

Übersetzung: Harald Sellner

[1] Archives de la Ville et de la Communauté Urbaine de Strasbourg (AVCUS), Urkunde Nr. 6 435.

[2] AVCUS, III, 14/7.

[3] AVCUS, III, 11, 22/22 und 22/26.

[4] Die heutigen Bezeichnungen sind in meiner Dissertation zu finden « Salariat, société et pouvoir dans les villes du Rhin supérieur au XVe siècle », Straßburg, 2006, S. 119, 123 und 127.

[5] Encyclopædia Universalis France, 1986.