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Die Juden im Elsass im Mittelalter: Niederlassungen, Verfolgungen und Vertreibungen (1250-1522)

Erläuterungen zur Karte

Die Dissertation von Gerd Mentgen über die elsässischen Juden im Mittelalter hat die Präsenz jüdischer Gemeinden über einen längeren Zeitraum, und zwar vom 12. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts, aufgezeigt. Sie hat aber auch den Grad der Integration in eine Gesellschaft, die zwischen Akzeptanz und Ablehnung schwankte, ermittelt. Die hier vorgelegten Karten gehören zu den großen Errungenschaften seiner Dissertation und gehen vor allem auf die entscheidende Frage nach der Entstehung jüdischer Gemeinden im Elsass ein.

Zunächst muss man aber die Kriterien bestimmen, die definieren, ab wann man von einer jüdischen Gemeinde sprechen kann. Der Bau einer Synagoge und das Vorhandensein eines rituellen Bades (der Mikwe), aber auch eines Friedhofes, der oft von mehreren Gemeinden geteilt wurde, sind dafür sichere Indikatoren. Sie hängen aber von der Billigung durch die Autorität der lokalen Herren ab. Besonders wichtige Quellen sind die von diesen Autoritäten ausgehenden Bestimmungen aber auch Quellen aus dem fiskalen und gerichtlichen Bereich und schließlich Chroniken, die über Verfolgungen berichten. Das heißt, dass man oft Spuren von Personen oder von Familien findet, deren Wohnort nicht immer gesichert ist. Die Analyse und das Abgleichen der verschiedenen Quellen ermöglichen es daher, die Entwicklungen in größere Zeiträume zu gliedern. Diese ordnen sich um ein besonders wichtiges Datum in der Geschichte der Juden am Rhein herum an, nämlich das Jahr 1349.

1250

Vor dem 12. Jahrhundert gibt es keinen Hinweis darauf, dass im Elsass eine jüdische Gemeinde errichtet worden wäre. In Straßburg, das vor 1200 zusammen mit Basel die einzigen wirklichen Städte darstellten, wurde spätestens um 1180 eine jüdische Gemeinde gegründet, um sie am städtischen Leben und an deren Verteidigung zu beteiligen: Die Juden sollten das Stadtbanner stellen und einen Teil der Stadtmauer verteidigen. Bis ins 14. Jahrhundert konnten die Juden für sich einen Rechtsstatus wahren, der sie bis 1340 unter den Schutz des Schultheißen, eines bischöflichen Dienstmanns stellte. Das Verzeichnis der kaiserlichen Steuer auf die Juden lässt den Schluss zu, dass es sich um eine relativ kleine jüdische Gemeinde mit ungefähr 300 Personen handelte, die den festgesetzten Betrag zu zahlen hatte. Die Synagoge und die Gemeindehäuser standen damals dort, wo sich heute die Judenstraße befindet, an der Ecke zur Rue des Charpentiers. Diese universitas judeorum war also genauso wie andere Gruppen in das städtische Leben eingebunden.

Lässt man Straßburg beiseite, bleiben noch drei Städte, die jüdische Gemeinden beherbergten: Haguenau (Hagenau) (dort ist ein Friedhof bezeugt), aber auch Rosheim und Obernai (Oberehnheim). Es handelt sich dabei um drei Gebiete, die ursprünglich den Staufern gehörten. In den beiden letztgenannten Städten werden 1215 Juden erwähnt, die sich niedergelassen hatten. Im übrigen Elsass scheint es weder in den Reichsstädten, noch in den Marktflecken oder Dörfern jüdische Gemeinden gegeben zu haben.

1251-1300

Von 1251 bis 1300 stieg die Zahl der bezeugten jüdischen Gemeinden auf 14 an. Diese stärkere Präsenz hängt mit dem Aufkommen der Städte und dem wirtschaftlichen und bürgerlichen Aufschwung zusammen, der im Elsass des 13. Jahrhunderts festzustellen ist. Die Marktflecken, wie zum Beispiel Marmoutier (Maursmünster) nahmen einzelne Juden oder Gemeinschaften auf. In Wissembourg (Weißenburg) sind Juden 1270 durch die Affäre eines rituellen Verbrechens bezeugt. Im Oberelsass sind Juden erst nach 1250 nachgewiesen und zwar in Colmar (mit einem jüdischen Friedhof und einer Synagoge 1278), in Sélestat (Schlettstadt), Bergheim, Kaysersberg, Ensisheim, Thann, Altkirch.

Die Bedeutung einer dieser Gemeinden, jene von Guebwiller (Gebweiler), lässt sich erahnen, wenn man bedenkt, dass sie 1270 aus 60 bis 70 Personen bestand und die gesamte Einwohnerzahl sich maximal auf 1400 Personen belief. Die meisten Gemeinden waren, sieht man einmal von jenen in Straßburg und Colmar ab, wohl weniger bedeutend.

1301-1350

Die nun folgenden fünf Jahrzehnte verändern dieses Bild vollkommen. Vor dem Schlüsseldatum 1349 hatten von 70 elsässischen Städten nur 17 keine jüdischen Einwohner. Diese fanden sich auch in Marktflecken, wie Hochfelden, Marlenheim, Bischwiller (Bischweiler), Landser. Alle Reichsstädte hatten eine jüdische Gemeinde. Dennoch konnten nicht überall Synagogen ausfindig gemacht werden: Nachgewiesen ist eine solche in Neuwiller-lès-Saverne (Neuweiler), in Haguenau (Hagenau), Saverne (Zabern), Straßburg, Molsheim, Obernai (Oberehnheim), Sélestat (Schlettstadt), Bergheim, Ribeauvillé (Rappoltsweiler), Colmar, Rouffach (Rufach), Guebwiller (Gebweiler), Soultz (Sulz), Mulhouse (Mülhausen), Altkirch – was in Bezug auf die Gesamtzahl der Gemeinden eine sehr bescheidene Zahl ergibt. Man muss aber die These gelten lassen, dass Privathäuser, von denen heute keine Spuren mehr existieren, als Ort des Gebets genutzt wurden. Die Zahl der Friedhöfe bleibt noch geringer: Rixheim, Straßburg, Haguenau (Hagenau), Colmar. Es kann aber durchaus angenommen werden, dass weitere Friedhöfe existiert haben.

Innerhalb von 50 Jahren war also die Präsenz der Juden stark angewachsen. Sie begleitete die städtische und wirtschaftliche Entwicklung der Gegend oder folgte ihr. Sie stand wahrscheinlich aber auch in Verbindung mit der Vertreibung der Juden aus dem Königreich Frankreich 1306 und aus der Grafschaft Burgund. Ein Zeichen dieses Zustroms ist in Straßburg zu erkennen. Dort unterschied man 1338 die deutschen Juden von den anderen. Zumindest auf dialektaler Ebene wurde also eine Unterscheidung nach der jeweiligen geographischen Herkunft vorgenommen. 1348 hatten zwei Drittel aller elsässischen Städte eine jüdische Gemeinde und damit ist der Höhepunkt jüdischer Präsenz während des ganzen Mittelalters erreicht.

Verfolgungen vor 1400

Im restlichen Elsass gibt es kaum Orte oder Gebiete, wo nicht bereits vor 1400 Verfolgungen von Juden ausbrachen. Paradoxerweise bieten diese einen wertvollen Hinweis auf das Vorhandensein von Juden im Elsass. Man stellt fest, dass die ersten Vertreibungen 1309 in den Gebieten der Grafen von Ferrette (Pfirt) beschlossen wurden. Neben 1349 war auch das Jahr 1397 ein Jahr der Verfolgungen.

1351-1400

Das Jahr 1349 wurde gleichbedeutend mit den Katastrophen, die über die in den Städten errichteten Gemeinden hereinbrachen. Vertreibungen und Pogrome zerstörten sie und verringerten in dieser Zeit die Zahl der bezeugten Gemeinden auf 21. Relativ kurz nach der Krise von 1349 wurde zwar den Juden in Colmar, Haguenau (Hagenau) und Mulhouse (Mülhausen) erlaubt, ihre Gemeinden wiederherzustellen. Andere entstanden in kleinen Städten, wie zum Beispiel Epfig. Der Friedhof von Rosenwiller (Rosenweiler) war spätestens 1366 wieder in Benutzung. Mit dem Schreckensjahr 1349 begann jedoch eine lange Zeit des Misstrauens gegenüber Juden. Es leitet eine Epoche ein, in der die Zahl der Gemeinden, die im Innern selbst immer kleiner zu werden schienen, zurückging. Beinahe nur noch die Reichsstädte Haguenau (Hagenau), Rosheim und Obernai (Oberehnheim), Sélestat (Schlettstadt), Kaysersberg, Turckheim (Türkheim), Munster (Münster), Colmar, Mulhouse (Mülhausen), sowie Altkirch und auch einige weitere von Herren abhängige Städte, wie zum Beispiel Molsheim oder Ensisheim hatten noch jüdische Gemeinden. Diesbezüglich ist der Befehl Karls IV. zu erwähnen, wonach die Reichsstädte ab 1351 erneut Juden aufnehmen sollten.

1401-1450

In diesem Zeitraum änderte sich die Lage kaum. In Straßburg hatte das 1390 erlassene Niederlassungsverbot für Juden zur Folge, dass die jüdische Präsenz in anderen Städten entsprechend wuchs. So zeigt die Karte die hohe Konzentration jüdischer Gemeinden im Gebiet um Sélestat (Schlettstadt), Colmar und Munster (Münster) auf: in diesem 600 km2 großen Bereich befanden sich zwölf Gemeinden, das heißt zwei Fünftel der ganzen Region. In Ammerschwihr (Ammerschweier), Dambach, Saint-Hippolyte (St. Pilt), Zellenberg befanden sich neue Ansiedlungen von Juden, was von einer großen Dynamik in den Marktflecken zeugt, die in den Rang einer Stadt aufstiegen, oder diesen Status noch festigten. Die gleichmäßige geographische Verteilung, die noch ein Jahrhundert zuvor vorzufinden war, scheint nun verschwunden zu sein.

Verfolgungen zwischen 1401 und 1480

In diesem langen Zeitraum gibt es einen Höhepunkt, der im Zusammenhang mit dem burgundischen Krieg steht. Dieser wurde von einer neuen Woge der Gewalt begleitet und traf sowohl die Reichsstädte als auch die übrigen Städte. Die jüdischen Gemeinden in der Weingegend (zwischen Sélestat (Schlettstadt) und Colmar) und jene, die auf habsburgischem Territorium lagen, waren davon betroffen.

1451-1479

Die Karte, die das dritte Viertel des 15. Jahrhunderts behandelt, zeigt, dass auf dem Land kaum Juden lebten. Dies widerspricht der traditionellen Sichtweise, dass die Juden nach 1349 zu Bewohnern der ländlichen Gebiete wurden. Die Juden blieben weitgehend in den Marktflecken und Städten, wo sie, obgleich sie überwacht und in Stadtvierteln ausgegrenzt lebten, den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen konnten.

Man stellt fest, dass es so gut wie keine Gemeinden im habsburgischen Sundgau gab, was deutlich macht, welch große politische Unruhen diese Gegend während der Jahre des „rheinischen Burgunds“ zu erdulden hatte. In Bollwiller (Bollweiler) wird aber eine jüdische Schule eingerichtet, die bedeutend gewesen zu sein scheint. Ensisheim, Mulhouse (Mülhausen), Cernay (Sennheim) waren gleichermaßen wichtige Zentren. Die Gemeinden von Masevaux (Masmünster), Altkirch, Thann sind dagegen sehr stark geschrumpft.

Eine größere Dichte von Gemeinden scheint es im Mittel-Elsass in Boersch, Obernai (Oberehnheim), Rosheim, Bischoffsheim, Niedernai (Niederehnheim), Molsheim gegeben zu haben. Ribeauvillé (Rappoltsweiler), Riquewihr (Reichenweier), Saint-Hippolyte (St. Pilt), Zellenberg verloren ihre Gemeinden in dieser Zeit.

1480- 1520

Am Ende des Mittelalters zählt man 32 jüdische Gemeinden in Dörfern und 22 Gemeinden in Städten. Man nähert sich also der Zahl von 58 Gemeinden an, die vor 1349 das goldene Zeitalter der Juden im Elsass ausmachten. Die Juden, die aus den Reichsstädten und aus dem Hochstift von Straßburg verjagt worden waren, flohen also zu den Burgen, aber vor allem in die Dörfer der Reichslandvogtei von Haguenau (Hagenau): Der kaiserliche Schutz bot ihnen genügend Garantien. Anderswo kann man gegenläufige Bewegungen feststellen: 1510 wurde der Friedhof in Colmar geschlossen, während andere Friedhöfe in Ettendorf, Dangolsheim und sogar in Orschwiller (Orschweiler) geöffnet blieben. Eine große Einwanderungswelle aus dem Königreich Frankreich scheint stattgefunden zu haben. Zwischenzeitlich kam es aber auch um 1460-1470 zu einer Auswanderungswelle nach Lothringen. Diese Migration fand in zwei Richtungen statt: auf einer Ost-West-Achse, zwischen Schwaben, Franken und Bayern und auf einer Nord-Süd-Achse entlang des Rheins, welche die Verbindungen mit den Städten Frankfurt, Speyer, Worms und Mainz begünstigte.

 

Karten entnommen aus: Gerd MENTGEN, Studien zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Elsaß, Hannover, 1995 (Forschungen zur Geschichte der Juden, A/2).

 

Beitrag von Benoît Jordan, 2007

Übersetzung: Harald Sellner