icon_facebookicon_google-plusicon_pinteresticon_twitterlogo_ukoo

Die Vertriebenen aus Lothringen und dem Elsass im Oktober 1943

Die Vertriebenen aus Lothringen und dem Elsass im Oktober 1943 Vergrößern

Eigenschaften

Autor und Institut Marie-Claire Vitoux, UHA (CRESAT)
Historische Zeiträume Neuzeit
Themen Demographie und Gesellschaft
Cartographe J. Gnaedig, AHA
SkalaSuprarégionale
Entstehungsdatum2011
QuelleD. Mehhadi (Saisons d'Alsace, n°117, 1992)
Diese Karte zitierenMarie-Claire Vitoux, « Die Vertriebenen aus Lothringen und dem Elsass im Oktober 1943 », in Atlas historique d'Alsace, www.atlas.historique.alsace.uha.fr, Université de Haute Alsace,

Erläuterungen zur Karte

Die Vertriebenen aus Lothringen und dem Elsass im Oktober 1943

Eine Übersicht vom 1.Oktober 1943 verzeichnet 167'135 Vertriebene aus Lothringen und dem Elsass. Die Mehrheit unter ihnen, d.h. 142'472 Personen, waren in das – bis im November 1942 – nicht besetzt Frankreich geflüchtet.

Es muss betont werden, dass das abgebildete Phänomen sehr komplex ist. Die präzisen Personenangaben, welche der Karte zugrunde liegen, könnten hier einen falschen Eindruck erwecken. Unter dem Überbegriff der „Vertriebenen“ werden nämlich sehr unterschiedliche Schicksale zusammengefasst:

Bei der Mehrheit der Vertriebenen (611'000) handelt es sich um Bewohner von Elsass-Lothringen, die auf Anordnung des Französischen Staates im September 1939 und im Mai/ Juni 1940 präventiv aus den 552 Gemeinden an der Grenze evakuiert worden waren. Ebenfalls unter die Vertriebenen fallen Personen, die ihren (erzwungenen) Wegzug selber organisiert hatten. Sie sind auf eigene Kosten zu Verwandten oder Freunden gereist und haben einen Teil ihres Hab und Gutes mitnehmen können. Trotz dieser vergleichsweise besseren Umstände des Wegzuges sind sie wie die Evakuierten als Vertriebene zu bezeichnen. Historiker schätzen, dass 150'000 aller Vertriebenen nach dem Waffenstillstand im Exil geblieben und nicht an ihren ursprünglichen Wohnort zurückgekehrt sind. Nicht zu vergessen sind die Bewohner von Lothringen und des Elsass, die im Sommer und Herbst 1940 von den Nationalsozialisten vertrieben worden waren. Unter anderem waren Juden, französische Beamte und frankophile Elsässer nicht mehr erwünscht. Sie wurden aus den beiden Provinzen vertrieben und durften nur 30 bis 50kg Gepäck mitnehmen.

Die kartographische Darstellung der neuen Aufenthaltsorte im Jahr 1943 macht deutlich, dass die Vertriebenen je nach Phase in unterschiedliche Regionen gebracht wurden. 1943 wohnte fast die Hälfte der Vertriebenen in den süd-westlichen Departements Frankreichs, die 1939 die Evakuierten aufgenommen hatten. Grund für die Auswahl dieser Departements war zum einen ihre große Entfernung von der nördlichen und westlichen Grenze des Landes, wo ein Angriff der Wehrmacht befürchtet werden musste. Zum anderen waren diese Regionen Frankreichs ländlich geprägt. Von diesem Umstand versprach sich die Regierung eine einfachere Versorgung der Vertriebenen. Die Departements, die 1939 Evakuierte aufgekommen hatten, konnten in all den Jahren eine gewisses „savoir-faire“ im Umgang mit Vertriebenen aufbauen. Die frei gewordenen Plätze – ein Teil der Vertriebenen war nach der Eroberung durch die Deutschen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt – wurden danach mit vertriebenen Juden, französischen Beamten und frankophile Eslässer besetzt. Es muss jedoch angemerkt werden, dass die vorwiegend aus der Moselle stammenden und in den Departements Charente und Vienne untergebrachten Evakuierten bei ihrer Rückkehr mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass ihre Heimat nun Teil der besetzen Zone war. Die Demarkationslinie war nämlich nach der Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 entsprechend versetzt worden.

Für eine weitere Gruppe der im Jahr 1939 Vertriebenen kann keine spezifische Zielregion ausgemacht werden, weil sie bei Freunden und Verwandten untergekommen sind. Es fällt auf, dass sich diese Gruppe von Vertriebenen insbesondere in den beiden Nachbardepartements, Meurthe-et-Moselle und Vosges aber auch im Rhonetal niedergelassen hat. Lyon war für diese Vertriebenen die erste Anlaufstelle bevor sie weiter in den Süden oder Südwesten reisten. Die Hauptstadt des Departements Rhône wurde später das Zentrum des elsässischen Widerstandes.

Auf diese Weise lässt sich differenziert darstellen, was auf den ersten Blick nach einer einfach zu lesende Karte der räumlichen Verteilung der Vertriebenen aussieht. Es wird deutlich, dass die elsässische Migrationsbewegung komplex war. Insbesondere muss auf die sehr unterschiedlichen Schicksale der Vertriebenen hingewiesen werden, die sich wie erwähnt in verschiedene Untergruppen aufteilen lässt. In jeder dieser Gruppen ist wiederum zwischen Personen zu unterscheiden, die nach ihrer Umsiedlung wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, im Exil geblieben, in ein anderes Departement oder gar nach London oder Nordafrika weitergereist sind. Die scheinbar so eindeutigen Unterteilungen, welche die Karte suggeriert, müssen aus Sicht der Autorin durch feine Nuancen ergänzt werden. Auf diese Weise werden Unterschiede (oder gar neue Unterteilungen) sowie Bewegungstendenzen innerhalb der Kategorien deutlich. 

Dokument zum Herunterladen