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Das Elsässer Weinbaugebiet vom 7. bis 19. Jahrhundert

Erläuterungen zur Karte

Die Überblicksdarstellung von Médard Barth zum Elsässer Weinbaugebiet stellt eine überaus wichtige Datenbasis für jeden dar, der sich mit dieser besonderen Kulturform in mehr als einer Hinsicht auseinandersetzen möchte. Durch seine systematische Auswertung der vorhandenen Quellen in den Archiven ist es M. Barth gelungen, alle Ersterwähnungen von Weinbergen in den Akten auszuspüren und sie am Ende seiner Arbeit nach Orten geordnet aufzuführen. Es schien nun interessant, dieses Phänomen auch in seiner räumlichen Verankerung darzustellen, um seine Entwicklungsrhythmen und seine Beziehungen zum Elsässer Territorium herauszuarbeiten – auch wenn dabei der Umstand, dass die Karten eng an die Vorarbeiten von M. Barth gebunden bleiben, die ihrerseits wiederum abhängig von den Informationen in den Quellen waren, zu Vorsicht gemahnt.

Alle Örtlichkeiten, an denen er Weinbauaktivitäten ausgemacht hat (661 Erwähnungen), wurden in eine Excel-Tabelle eingetragen, die die Datenbasis „Communes“ des IGN (GEOFLA) benutzt. Dabei wurden mehrere Kriterien ausgewählt, die eine Antwort auf folgende Fragen erlauben: Wer legt einen Weinberg an, wann und wo? Die Daten der Tabelle wurden auf eine Kartenvorlage übertragen, in die bereits das Flussnetz sowie die Städte bzw. Märkte eingetragen waren, um eventuelle Korrelationen aufscheinen zu lassen.

Ursprünge des Weinbaugebiets

Wer legt einen Weinberg an? Und, so muss man hinzufügen, wer hält seine Existenz schriftlich fest? Die von M. Barth ausgewerteten Quellen betreffen Weinberge, die Gegenstand einer Schenkung, eines Verkaufs oder eines Tausch gewesen waren bzw. in einem Pachtbuch standen. Diese „offiziellen“ Weinberge umfassen also nicht das gesamte Weinbaugebiet –Weinberge zum Hausgebrauch und ohne Geschichte sowie Güter in Allodialbesitz haben nicht unbedingt Spuren in den Archiven hinterlassen. Sie machen jedoch einen Teil jener Weinberge ohne nähere Herkunftsbezeichnung aus, die 42% aller Erwähnungen betreffen. Unter den erwähnten „Gründern“ lassen sich unterscheiden: Kleriker, Fürsten und Städte (Karte 1). Dass die Weinberge im Besitz von Geistlichen dabei bei Weitem überwiegen (54%), liegt vor allem an der herausgehobenen Stellung kirchlicher Quellen, die überwiegen, weil sie sich besser erhalten haben. Die im gesamten Vorgebirge zu beobachtende Streuung weist darauf hin, dass man eher danach strebte, guten Wein zu produzieren, und weniger auf die Nähe zu den Klöstern achtete. Die nur sehr kleine Anzahl städtischer Weinberge liegt zum großen Teil daran, dass Barth weder Stadt-, noch Hospitalarchive hat auswerten können. In dieser Hinsicht ist die Karte ergänzungsbedürftig.

Pflanzgeschichte des Weinbaugebiets

Wann wurde das Weinbaugebiet bepflanzt? Die chronologischen Abschnitte der von M. Barth erhobenen Erwähnungen wurden von der allgemeinen Entwicklung der Landwirtschaftsflächen bestimmt:

-     7.-11. Jahrhundert (Karte 2): Dieser erste zeitliche Abschnitt entspricht 38% der Erwähnungen und spiegelt die Einführung des Weinbaus von Norden her (sehr wahrscheinlich Weißenburg) wider. Er korrespondiert mit der Gründungszeit jener Klöster, die die Neuorganisation der ländlichen Bewirtschaftung begleiteten, wenn nicht sogar stimulierten: Übergang von der Villa (große Landgüter) zur Grundherrschaft und individuelle Bewirtschaftung (über die wir kaum unterrichtet sind). Der kirchliche Weinbaubesitz vergrößerte sich stark und breitete sich dank zahlreicher Schenkungen von Fürsten oder um ihr Seelenheil besorgten Gläubigen aus. Der produzierte Wein stillte dabei nicht nur liturgische Bedürfnisse, sondern stand auch für die in den religiösen Institutionen weithin praktizierte Gastfreundlichkeit. Anhand der Karte lässt sich beobachten, dass sich die Weinberge zwar auf das gesamte Vorgebirge und einen Teil des Sundgaus verteilten. Ihre Dichte tritt gleichwohl im Gebiet um Rappoltsweiler und der im Vorland der Vogesen gelegenen Hügelkette Maursmünster (Marmoutier) – Zabern (Saverne) – Buchsweiler (Bouxwiller) deutlicher hervor. Grund dafür war die Präsenz großer Abteien sowie das Gewässernetz. Feststellen lässt sich daneben die Anlage von Rebflächen in der Ebene auf den Terrassen des Moorgebiets zwischen Ill und Rhein.

-     12.-13. Jahrhundert (Karte 3): Beobachten lässt sich eine neue Dynamik (23%). Die Hochzeit der Städte stimulierte die Zirkulation und den Verkauf eines Weins, dessen Ausbeute man zu verbessern suchte. Die Pachtverhältnisse wurden auf Dauer gestellt und der Geldumlauf pulsierte in einem Land, dessen Bevölkerungsanstieg dafür sorgte, dass reichlich Arbeitskräfte vorhanden waren. Auch jetzt spielten die Klöster wieder eine herausgehobene Rolle: Sie verfügten über das für Investitionen notwendige Kapital und konnten neue Techniken entwickeln. Vor allem aber blieben sie von Erbteilungen verschont und konnten sich so langfristig entfalten. Die Täler um Münster (Abtei und Nähe zu Kolmar), das Thurtal (Abtei Sankt Amarin in Murbach, Nähe von Thann und vor allem von Basel), der Kochersberg (Nähe von Straßburg) und auch das Hochtal der Zorn (Städtenetz im Vorland der Vogesen) – alle diese Zonen erfuhren eine erhebliche Ausweitung der Rebfläche.

-     14.-15. Jahrhundert (Karte 4): Im Vorfeld der Pest von 1347 herrschte eine Situation der Überbevölkerung. Um die Bedürfnisse einer ständig wachsenden Bevölkerung zu stillen und die Nachfrage auf Märkten und Messen zu befriedigen, waren Innovationen und Anpassungen der Produktion notwendig, insbesondere eine Vervollständigung des Netzes an Weinbergen (21% der Erwähnungen). Die Intensivierung des 15. Jahrhunderts zeichnet sich vor allem in noch weniger bepflanzten Gegenden (das Sundgau) oder in Gebieten mit sehr starker Nachfrage (der Kochersberg und das Nordelsässer Hügelland im Vorland der Vogesen) ab. Geht man davon aus, dass die seit dem 7. Jahrhundert erwähnten Weinberge im 15. Jahrhundert weiterhin vorhanden waren, dann erlebte das Weinbaugebiet am Ende des Mittelalters die Zeit seiner größten Ausdehnung (Karte 5).

-     Schließlich 16.-19. Jahrhundert (Karte 6): Diese sehr lange Periode erklärt sich durch die zufallsbedingten und lückenhaften Daten von M. Barth (15% der Erwähnungen). Der Rückgang im kalten und kriegerischen 17. Jahrhundert oder im von Überproduktion gekennzeichneten 19. Jahrhundert lässt sich kaum im Detail verfolgen. Neuere Arbeiten ermöglichen es, diese Karte zu ergänzen. Hervorgehoben sei jedoch der „komplementäre“ Charakter des Weinbaugebiets, das sich in neuen Sektoren entwickelte: das Tal von Weiler (Villé), die Gegend um Sierenz, Unterland (Outre-Forêt) und die Ebene.

-     Die alle Perioden zusammenfassende Karte 7 hebt alle Orte hervor, an denen zu dieser oder jener Zeit Wein gewachsen ist. Zu beachten ist, dass die von M. Barth erhobenen Daten nur jene Erwähnungen betreffen, die die Existenz von Weinbergen nachweisen. Eine Chronologie ihres Verschwindens lassen sie aus den bekannten Gründen jedoch nicht zu. Annehmen lässt sich in etwa, dass das Elsässer Weinbaugebiet zu Zeiten seiner größten Ausdehnung ungefähr 30.000 Hektar umfasste. Wie die Karte 7 zeigt, stehen dem heute 12.000 Hektar gegenüber („Weinbau und Obstplantagen“, BD CARTO IGN 2002). Wichtigstes Kennzeichen ist, dass Wein – von den Höhenlagen der Berge abgesehen – überall wächst. Aktuell wird in 44% der Kommunen und Weiler Weinbau betrieben.

Weinberge und verschwundene Dörfer

M. Barth macht auf Weinberge in verschwundenen Orten oder außerhalb von Dorfschaften (Karte 8) aufmerksam (14% der Erwähnungen). Im Fall dieser letzten Kategorie (Karte 9) lässt sich beobachten, dass es sich um etwa drei Dutzend Orte handelt, die nahezu ausnahmslos in der Nähe von Flussläufen liegen. Solche Anbauflächen weisen auf die systematische Suche nach einem Weinbaugebiet hin, dessen Erzeugnisse leicht verschickt werden konnten und das deshalb nahe bei jenen Orten lag, an denen der Wein verbraucht wurde.

Die Beziehung zwischen Weinberg und verschwundenen Ortschaften ist hingegen ein Phänomen, das zu untersuchen bleibt. Zu fragen ist, auf welche Weise der Weinbau dazu beigetragen hat, die landwirtschaftliche Nutzfläche zu organisieren (Karte 10). In einem ersten Schritt und vorbehaltlich weiterer Analysen lässt die Karte eine größere Dichte im Weinbaugebiet des Vorgebirges erkennen, was gleichbedeutend mit der Produktion eines qualitativ besseren Weins ist. Die Existenz von Weinbergen in den von A. Humm und L.G. Werner nachgewiesenen verschwundenen Ortschaften (beide schreiben das Verschwinden den großen Geißeln des ausgehenden Mittelalters und der Anziehungskraft der Städte zu) gestattet die Hypothese einer auf Kostenvorteile und die Konzentration der Produktion abzielenden Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Das Verschwinden der Dorfgemeinschaft bedeutet jedoch keinesfalls, dass der Weinberg demselben Schicksal unterworfen war; die Gestalt der aktuellen Weinbaufläche beweist eher das Gegenteil.

Methodische Probleme

Die vorliegenden Karten verstehen sich eher als Anregungen für die Forschung und weniger als eine Galerie feststehender Ergebnisse. Der von M. Barth vorgelegte Korpus ist zwar wertvoll und einzigartig, gleichwohl enthält er zahlreiche Lücken und Ungenauigkeiten, deren Ursachen in der Beschaffenheit der ihm zugrundeliegenden Quellen zu suchen sind. Für eine detaillierte Untersuchung des Weinbaugebiets und seines Umfangs wäre es beispielsweise notwendig, Kenntnis über die Größe der erwähnten Weinstöcke zu haben. Daneben leidet die Chronologie unter der Ungenauigkeit der Akten: „älterer Weinbau“, „früher Weinbau“, manchmal „ohne Datum“. Die Ersterwähnungen von Weinbergen, die alleinige Grundlage der Arbeit von M. Barth waren, geben Hinweise allein auf die Dynamik der Anlage des Weinbaus bzw. seines Ausbaus. Um Informationen zum Rückgang bzw. die Aufgabe eben dieser Weinberge zu erlangen und damit auch die Möglichkeit von Karten zu schaffen, die das moderne Weinbaugebiet besser abbildeten, sind ergänzende Studien (die existierenden Monographien zum Elsässer Weinbaugebiet sind zahlreich, aber nicht erschöpfend), weitere archivalische Quellen bzw. sogar archäologische Grabungen notwendig

Auch mit dem aktuellen Stand der Karten kann die Forschung aber durch die Verräumlichung einzelner gesellschaftlicher Phänomene neue Erkenntnisse erlangen. So ist es beispielsweise aufschlussreich, die alle in einem gleichen Maßstab angefertigten Karten des Weinbaus mit denen zu den Städten bzw. Märkten, Handwerkerinnungen, religiösen Institutionen usw. zusammenzubringen. Die Karte des rechtsrheinischen Weinbaus, die auf der Basis der Arbeiten von Karl Müller in Vorbereitung ist, wird eine kohärentere Übersicht über den oberrheinischen Weinbau liefern.

Literatur

  • BARTH (Médard), Der Rebbau des Elsasses und die Absatzgebiete seiner Weine, 2 Bde., Straßburg-Paris, 1958.
  • WOLFF (Christian), « Le vignoble », Histoire de l’Alsace rurale, Société Savante d’Alsace, Istra, Straßburg, 1983, S. 447-458.

 

Odile Kammerer, April 2012

Übersetzung: Falk Bretschneider