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Die Siedlung und die Militärlager von Oedenburg aus römischer Zeit

Eigenschaften

Autor und Institut Michel Reddé, École Pratique des Hautes Études
Historische Zeiträume Vor- und Frühgeschichte
Themen Machtträger - Religion - Territorien
SkalaLocale
KartennetzentwurfDiverses
Inventarnummer287
Entstehungsdatum2013
Datum der letzten Änderung2013
QuelleREDDÉ Michel, « Oedenburg », in REDDÉ Michel et al., Aspects de la romanisation dans l'Est de la Gaule, Bibracte 21, 2011, p. 173-181.
Diese Karte zitierenMichel Reddé, « Die Siedlung und die Militärlager von Oedenburg aus römischer Zeit », in Atlas historique d'Alsace, www.atlas.historique.alsace.uha.fr, Université de Haute Alsace, 2013

Erläuterungen zur Karte

Die Siedlung und die Militärlager von Oedenburg aus römischer Zeit liegen auf dem Gemeindegebiet von Biesheim und von Kunheim (Haut-Rhin); auf deutscher Seite gegenübergelegen ist das Vulkanmassiv des Kaiserstuhls. Obgleich der antike Name der Stätte unbekannt ist, geht man seit den jüngsten Grabungen (1998-2012) einer internationalen Forschergruppe (École pratique des Hautes Études, Paris; Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau; Universität Basel) meist davon aus, daß es sich hier um den Ort Argentovaria handelt, der bei dem griechischen Geographen Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.) erwähnt wird. Diese Identifizierung bleibt jedoch hypothetisch (Karte 1). Politisch gehörte das Gebiet vermutlich zum Territorium der Rauraker, eines kleinen Volkes, das die Gegend am Rheinknie bewohnte und dessen Hauptsiedlung die Kolonie von Augusta Raurica (Schweiz) war, die die Römer kurz nach dem Tode Caesars einrichteten.

 Die archäologische Fundstätte Oedenburg liegt am Ufer des Rheins, dessen Lauf in römischer Zeit von zahlreichen, sich durchkreuzenden Mäandern gekennzeichnet war, die ein deutlich breiteres Flussbett als das heutige durchzogen. Die antike Landschaft wurde so von einer Reihe niedriger Inseln geprägt, welche die verschiedenen Flussarme voneinander trennten. Dieser unwirtliche und sumpfige Lebensraum wurde von häufigen Überschwemmungen heimgesucht. Wir kennen zur Zeit keine gallischen Siedlungsschichten von Oedenburg, obwohl die Stätte nicht weit von dem keltischen oppidum in Breisach (Deutschland) entfernt liegt, dessen letzte Schichten auf etwa 30 n. Chr. datiert werden. Verschiedene palynologische Bodenproben legen jedoch die Annahme nahe, daß dieser Teil des Rheintals gegen 15-20 n. Chr., als sich die römischen Truppen dort festsetzten, bereits stark entwaldet war und landwirtschaftlich genutzt wurde.

 Die beiden Militärlager, die in Oedenburg bis ca. 70-71 n. Chr. aufeinander folgten, sind Teil einer militärischen Befestigung des oberen Rheintals, die unter Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) angelegt wurde. Sie dienten wahrscheinlich der Kontrolle des Rheinübergangs, der hier die militärische Limesstrasse kreuzt, die sich vom Legionslager Windisch (Schweiz) und der römischen Kolonie Augusta Raurica (Augst) über Strassburg, Mainz und Köln bis nach Nijmegen entlang des Flusses erstreckt. Eine weitere Strasse, die vom römischen vicus von Horbourg-Wihr herkam, endete hier. Eine dritte, auf Luftbildern gut erkennbar, führt direkt nach Niederhergheim, einem weiteren bedeutenden Fundort aus römischer Zeit. Zu Beginn der Regierung Kaiser Vespasians (69-79) verliess die Garnison die Ufer des Rheins, um an der Eroberung des Dekumatenlands (Neckartal, Ostabhang des Schwarzwaldes) teilzunehmen. Die Garnison wurde danach nicht ersetzt.

 Eine weit angelegte, geophysikalische Prospektion der bis zu den jüngsten Grabungen kaum erforschten Fundstätte hat die wesentlichen archäologischen Strukturen sichtbar werden lassen (Karte 2). Mit Hilfe dieser Methode wurden durch Störungen hervorgerufene Unterschiede im Magnetfeld, wie sie Anhäufungen archäologischen Materials (Keramik, Ziegel und Basaltblöcke) entstehe, lassen, in einem feinen topographischen Raster kartographisch erfasst. So lässt sich eine Konzentration von Spuren (weisse Punkte) entlang der modernen Strasse beobachten (Nord-Süd-Streifen, Mitte nicht untersucht), die hier dem Verlauf der antiken Strasse von Windisch nach Strassburg folgt (Karten 3 und 4). Erkennbar sind auch zwei Strassenstationen; die eine, zum Fluss hin gelegen, kann in das 2. Jh. n. Chr. datiert werden, die andere, im Osten, auf dem Hügel Westergass unweit der modernen Strasse, in die erste Hälfte des 4. Jh. Das Bild zeigt ferner verschiedene Thermenkomplexe. Süd-östlich des Hügels von Altkirch, in der Mitte der Karte, ist ein Ensemble religiöser Bauten mit mehreren Tempeln zu sehen, die von einer Einfriedung umgeben sind. Auf dem Hügel selbst lässt das an dieser Stelle unschärfere Bild noch eine Befestigung erahnen, die in das letzte Drittel des 4. Jh. datiert werden kann, worin später eine Kirche errichtet wurde. Die einheitlich grauen Bereiche der Karte, auf denen keine durch weisse Punkte oder Linien angedeuteten Strukturen erscheinen, sind Areale, in denen keine von Menschenhand errichteten Anlagen erkennbar sind. Die geophysikalische Prospektion hat einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung von Oedenburg geliefert. Es gilt jedoch festzuhalten, dass dabei auf ein und demselben Bild Schichten aus ganz verschiedenen Zeiten dokumentiert werden, die nur durch archäologische Grabungen von einander getrennt und zeitlich eingeordnet werden können.

 Die seit 1998 archäologisch erforschten Abschnitte, die auf Karte 3 durch die braunen Bereiche wiedergegeben sind, betreffen das Militärlager des 1. Jh. n. Chr. und seine Umgebung (französisches Grabungsteam), das Heiligtum und das angrenzende Gelände (schweizerisches Grabungsteam) sowie die spätantike Strassenstation und die valentinianische Festung (deutsches Grabungsteam). Seit 2009 hat das französische Team den Quadranten südwestlich der Kreuzung untersucht, die die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Umgehungsstrasse mit der Strasse von Horbourg-Wihr bildet. Dabei wurden Wohnbereiche und metallverarbeitende Werkstätten freigelegt, die von der Mitte des 1. Jh. bis zum Ende des 4. Jh. reichen. Diese sind entlang der modernen Strasse von einer merowingischen Nekropole überdeckt, in der man mehrere, mit ihren Waffen bestattete Individuen von beachtlicher Körpergrösse gefunden hat (6.-7. Jh.).

 An der Fundstätte Oedenburg, die den Launen des Flusses in besonderer Weise ausgeliefert war, waren Überschwemmungen an der Tagesordnung; in der Umgebung der Militärlager des 1. Jh. konnten durch die Grabungen mehrere Hochwasserstände unterschiedlicher Höhe festgestellt werden. Der Mensch versuchte, das feuchte Terrain zu befestigen, das von sich füllenden Rinnen durchzogen war, sobald das Grundwasser stieg: So wurde der Boden mit hölzernen Rosten und Reisigbündeln stabilisiert, Geländesenkungen wurden mit Kies aufgefüllt. Karte 5, auf der die während der Prospektion gefundenen Münzen dokumentiert sind, zeigt jedenfalls eine deutliche Fortentwicklung der menschlichen Besiedlung: Auf eine frühe Phase, in der sich die Besiedlung zum Flussufer hin zu konzentrieren scheint, folgt eine Verschiebung in Richtung auf die höher gelegene, den alljährlichen Überschwemmungen weniger ausgesetzte westliche Terrasse. In diesem Zusammenhang ist die torfartige Schicht von Bedeutung, die über den letzten Schichten der tiefer liegenden Geländeteile liegt und die vermutlich auf eine Verschlechterung der klimatischen Bedingungen während des 3. Jh. n. Chr. verweist. Mit dieser einher ging in diesen Teilen die Bildung eines Flachmoores; die menschlichen Aktivitäten konzentrierten sich dagegen auf das Gebiet entlang der grossen Nord-Süd-Umgehungsstrasse.

 Prägend für die Geschichte von Oedenburg war die Einrichtung einer römischen Garnison, in deren Gefolge sich eine Zivilsiedlung entwickelte. Wie in vielen ähnlichen Fällen entlang der Grenzen des Römischen Reiches endete diese nicht mit dem Abzug der Soldaten. Es gibt leider keine Inschriften, die uns verraten könnten, um welche Truppeneinheit es sich handelte, doch gestatten eine Reihe der in Militärwerkstätten hergestellten und von der dafür verantwortlichen Legion gestempelten Ziegel zumindest einige Überlegungen (Karte 6). Die Interpretation der zahlreich gefundenen Stempel bleibt dennoch schwierig, denn diese wurden nicht selten mehrfach wiederverwendet. So findet man sie in Thermen, wo sie über den Hersteller der Hypokausten Auskunft geben, selbst wenn es sich wie hier um reine Zivilgebäude handelt. Auf der anderen Seite können wir so die Anwesenheit mehrerer Einheiten feststellen, die in der Gegend in Garnison lagen, insbesondere der XXI. Legion, die von Claudius (41-54) bis zu Beginn der Herrschaft des Vespasian (gegen 70) in dem grossen Lager von Vindonissa/Windisch (Schweiz) stationiert war. Bezeugt sind ferner die XI. Legion, die kurz nach 100 n. Chr. die Nachfolge der XXI. antrat; die VIII., die gegen 90 n. Chr. nach Strassburg kam und dort bis zum Ende der Antike blieb; die Legio I Martia, die sicherlich unter Diokletian ganz am Ende des 3. Jh. n. Chr. aufgestellt wurde. Auf der Grundlage dieser Informationen sowie der von den Münzen und Keramik, die sich während der Grabungen fanden, gelieferten Chronologie dürfen Vermutungen über die Art und die Identität der Truppe von Oedenburg angestellt werden: Allein die XXI. Legion aus Vindonissa (Windisch) hat nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand mit Sicherheit in Oedenburg in Garnison gelegen; die anderen Einheiten hatten zumindest die administrative und die militärische Kontrolle über das Gebiet und behielten diese selbst nach der Aufgabe eines Lagers, dessen Belegung durch eine Truppe nicht mehr notwendig war.

 Die Grabung des Heiligtums und seiner Umgebung (Karte 7) bietet ein gutes Beispiel dafür, wie die gallo-römische Siedlung von Oedenburg entstand, sich entwickelte und wieder zurückbildete. Die ersten Schichten bildeten Votivdepots direkt auf dem natürlichen Untergrund, die sich auf einer kleinen, von sumpfigem Gelände umgebenen Insel befanden. Zutage gefördert wurden insbesondere Helmelemente, Knochen von Tieren, die man sicherlich bei den vor Ort stattfindenden Zeremonien verspeiste, Miniaturvasen, Opferstöcke und sicherlich auch hölzerne Votivgaben, von denen ein anthropomorphes Exemplar ausgemacht werden konnte. Welchen Gottheiten diese verschiedenen Gaben geweiht waren, ist in den allermeisten Fällen nicht bekannt, auch wenn eine Inschrift des 2. Jh. das Götterpaar Merkur und Apollon erwähnt.

Das Heiligtum ist von Beginn an von einer hölzernen Palisade umgeben, die sich dendrochronologisch in das erste Jahrzehnt des 1. Jh. n. Chr., also kurz vor die Errichtung des ersten Militärlagers, datieren lässt. Nach und nach wird die Einrichtung des Heiligtums verändert, zuerst durch die Installation eines grossen Bassins; dann, im letzten Viertel des 1. Jh., durch den Bau der Tempel A1 und A2, die noch in Holz-Lehm-Bauweise (Fachwerk) errichtet sind. Ihr Grundriss entspricht demjenigen einheimischer Tempel, mit einer porticus, die die zentrale cella (Kapelle) umgibt. Im Norden werden zu Beginn des 2. Jh. ein Thermenkomplex angefügt sowie ein ovales Becken; danach kommt es zu einer Reihe aufeinanderfolgender Bauten und Wiederaufbauten, die die Existenz mehrerer Tempel in der Heiligtumsmauer selbst oder ausserhalb derselben belegen. Im Laufe des 3. Jh. wird der Bereich dann nach und nach aufgegeben. Der sumpfig gewordene Geländeabschnitt wird in der Folge nur noch für landwirtschaftliche Gebäude genutzt, dann für eine Reihe von Gräbern, während sich das Leben auf die höher gelegenen Teile der Stätte um die Festung von Altkirch herum konzentrierte, die vermutlich in dem Jahrzehnt zwischen 360 und 370 n. Chr. errichtet wurde.

 

Quellen

Die Karten entstammen der unten angeführten Literatur

 Bibliographie:

- REDDÉ Michel(ed.), Oedenburg. Fouilles françaises, allemandes et suisses à Biesheim et Kunheim, Haut-Rhin, France. Volume 1. Les camps militaires julio-claudiens, Monographien RGZM, 79-1, Mainz, 2009.

- REDDÉ Michel(ed.) / SCHUCANY Caty / SCHWARZ Peter-Andrew, Oedenburg. Fouilles françaises, allemandes et suisses à Biesheim et Kunheim, Haut-Rhin, France. Volume 2. L’agglomération civile, Monographien RGZM, 79-2, Mainz, 2012.

- REDDÉ Michel, « Ein Legionslager und sein Umland im I. Jahrhundert : Funktionen und Wechselwirkungen. L'apport des fouilles d'Oedenburg », in Chr. Ebnöther, R. Schatzman (ed.) Oleum non perdidit. Festschrift für Stephanie Martin-Kilcher zu ihrem 65. Geburtstag, Bâle, 2010, p. 71-79.

- REDDÉ Michel, « Oedenburg », in REDDÉ Michel / BARRALPhilippe / FAVORY François / GUILLAUMET Jean-Paul / JOLY Martine / MARC Jean-Yves / NOUVEL Pierre / NUNINGER Laure / PETIT Christophe, Aspects de la romanisation dans l'Est de la Gaule, Bibracte 21, 2011, p. 173-181.

 

Michel Reddé, 2013